Nach müde kommt doof!“ Als ich diesen Satz vor Jahren von meinem Bruder hörte, wusste ich noch nicht welch tiefere Bedeutung er tatsächlich hat. Erst in den letzen Tagen mit den aktuellen Geschehnissen unserer Zeit wird für mich noch mal deutlich:
Wer erschöpft ist (oft kommt dieser Zustand mit Enttäuschung einher) dessen Geist rastet aus. Man klickt nicht mehr wie ein kleines Rädchen im großen Zahnrad, sondern blockiert – und versteht sich selbst und andere nicht.
Ich mag meine letzten Wochen mit dir teilen um das klarer zu machen.
Nachdem mein Business anfing wirklich zu funktionieren, fiel ich um. Nicht buchstäblich gesehen, sondern innerlich.
Im März starrte ich in mein E-Mail-Programm, sah Kundenanfragen und E-Mails hinein ploppen und: tat nichts. Wie von Geisterhand geführt klappte ich meinen Rechner zu und ignorierte die freundlichen Menschen, die mir da schrieben.
Ich war müde. Bis auf die Knochen.
Mein Körper war erschöpft. Meine Emotionen und meine Energie waren ausgefranst.
All meine eigenen bisher hilfreichen Werkzeuge wie Yoga, Meditation, Schreiben waren nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich brauchte etwas, dass tiefer ging, bis in Mark und Bein.
Wenn ich in mich hinein lauschte, gab mir meine Seele durchaus Hinweise wie ich durch diese Phase navigieren könnte: Ich träumte von Sonne und Strand. Ich wollte Ruhe. Ich sehnte mich danach, zu sitzen, stundenlang nichts zu tun, höchstens Muscheln am Strand zu sortieren.
Mein eigenes Verhalten irritierte mich.
Denn hatte ich nun nicht endlich genug Kunden, und somit Aufträge, Projekte, Deadlines?! Warum begann ich, mich zu sabotieren? Denn eigentlich hatte ich doch auch Spaß?!

Also verordnete ich mir ein, zwei Wochen Auszeit und vor allen Dingen Offline-Sein.

Kein Facebook & Co., keine Blogartikel. Nichts Schreiben, nichts lernen, einfach nur Sein. Denn ich hatte gemerkt, wie sehr ich meinen Fokus und meine Kraft dadurch verlor. So würde mehr Raum entstehen. Das Universum oder meine Seele würden diesen wieder sinnvoll auffüllen.
Das war der Plan.
Mein Seelen-Selbst lachte über die Entscheidung meines Ego-Selbts.
Wenn ich ehrlich bin wusste ich auch, dass das ein Witz war und nicht reichen würde um Aufzutanken.
Ich musste erstmal loslassen, alles verdauen was da so in der letzten Zeit auf mich eingewirkt hatte.
Nicht nur, dass ich die letzen Jahre hart und kontinuierlich an meinem Traum gearbeitet hatte, nein. Als sehr spürige und intuitive Person nehme ich so viele Informationen wahr, dass ich vergesse, dass mein Body-Mind-System anders gestrickt ist und mehr Pause braucht als das von „normalen“ Menschen. (Aber hey, was ist schon normal. Die letzten Wochen zeigen, dass nichts mehr „normal“ ist.)
Auch mein Bauch blähte sich immer mehr zum Medizinball auf und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Wir verdauen nicht mehr.
Wir konsumieren, oft schon unfreiwillig aufgrund des hohen Tempos unserer Zeit, und finden keine Gelegenheit, keinen Ort der Stille, um zu reflektieren und somit loszulassen.

Also hing ich einmal in der Woche in der Sauna ab, gönnte mir Thai-Massagen so oft es ging um angestaute Energien in meinem Körper zu lösen, und verbrachte viel Zeit mit meiner hellsichtigen und -fühlenden Freundin, die auch Kollegin ist.
Dabei entging mir, dass wir selbst in der Sauna über Arbeit, Projekte und die Zukunft sprachen – so wie die Leute, die mir am Wochenende laut im Wald begegnen und denen ich heimlich so oft den Mund zukleben möchte weil sie die Stille der Natur stören. Haha, here I am! Same, same, but different.
Die Wochen vergingen und das schlechte Gewissen wuchs in mir heran:
:: ‚Müsste ich nicht?!
:: Sollte ich nicht?!
:: Was machen denn die anderen so?!
— Oh Gott. Hätte ich lieber bloß nicht Facebook gecheckt… ‚

Denn trotz Self-Care und so war ich noch immer müde. … und dem Rest der Welt schien es nicht so zu gehen!?! Oder taten alle nur so unglaublich fit… ?!
Was früher leicht war fühlte sich nun wie zäher Kaugummi an, und schmeckte auch danach. Was passierte denn da mit mir?
Niemals zuvor habe ich mich so gekiddnappt gefühlt wie von dieser Erschöpfung und Müdigkeit.
Niemals zuvor habe ich mich so außer Kontrolle gefühlt und in eine Leere hineingeworfen. In ein Nicht-Wissen, das man kennt wenn man das Alte sich längst verabschiedet hat und das Neue noch auf sich warten lässt.
Während ich den Zwist zwischen Herz und Verstand in all seinem Glanz & Gloria bereits erlebt habe, das war und ist definitiv ein neues, nächstes Level!
Mein Seelen-Selbst entspannte sich immer mehr während mein Ego-Selbst schlimmer noch als Rumpelstilzchen wütete.
Es schien als hätte mich das Chaos der Welt, die Angst und all die Facetten die unsere bewegte Zeit mit sich bringen, nun ebenfalls erfasst.
Ich schrieb Artikel für den Blog und mein PC stürtzte mehrmals ab. Ich natürlich ohne Back-Up.
Gut, dann also wirklich nicht schreiben.
Ich kündigte an, Yogavideos zu machen und führte mir selbst durch zu eifriges Praktizieren einen Muskelfaserriß zu.
Adé Yogapraxis und Videos. Argh!
Ich ließ meine Freunde wissen, dass ich nun ein neues Level von Balance anstrebte – und prostete mir Abends mit einem Glas Wein zu.

Wer Wasser predigt, darf wohl keinen Wein saufen?!

Ab einem gewissen Punkt fand ich all das schon wieder lustig, denn damit habe ich noch mal folgendes aus einer anderen Perspektive gelernt:

Ich kann mich antreiben und in eine Richtung schieben,

und Dinge in meinem Leben mit Erfolg erreichen. Das klappt gut, für die meisten von uns.

Doch ich kann nicht meine Seele in eine mir vermeintlich schmackhaftere Richtung schieben.

Die Seele regiert und hat die Herrschaft über mein inneres Königreich inne. Wenn ich “ein gutes Leben” haben will, eines voller Abenteuer und Magie, Fülle und Liebe, Echtheit und Wahrhaftigkeit, dann muss ich tun was meine Seele meint tun zu müssen!
Also begann ich auf einer sehr viel tieferen Ebene zu lauschen, in meinen Körper hinein.
Ich realisierte, dass ich mein Wellnessprogramm vom Kopf her angegangen war und mein Körper/Nervensystem niemals die Chance hatte, das Adrenalin und die angestauten Energien des Fight & Flight-Modus loszulassen.
Ich war so ein bisschen dabei meine Erholung wie auf einer To-Do-Liste abzuhaken. Mein System durfte also nicht aus seiner eigenen Weisheit heraus agieren weil ich ja schon wieder in der Zukunft war.
Dann gab es einen Moment, in dem mich meine Müdigkeit so übermannte, dass ich meinen Widerstand aufgeben musste und erkannte, dass sie eine wunderbare Lehrerin sein kann – wenn wir sie nur lassen:

  • Müdigkeit zwingt uns anzuhalten. Eine wichtige Voraussetzung um verdauen zu können, bzw. zu reflektieren und loszulassen.
  • Sie bewegt dich zum Loslassen. Wer loslässt schafft Raum. Eine Voraussetzung dafür, Neues (er)schaffen zu können.
  • Sie lehrt dich, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.
  • Sie zwingt dich, auf deinen Lebensstil, deine Ernähung, deine Selbstliebe etc. zu schauen…
  • Sie will lediglich Balance in deinem Leben herstellen.
  • Sie bringt uns dazu, zu hinterfragen, ob unser Leben wirklich das ist, welches wir leben wollen.
  • Sie bringt uns zurück in den Körper, raus aus dem Kopf und damit hinein in den Moment. Das einzige was wirklich wahr ist und letztlich zählt.

Um ehrlich zu sein wusste ich, dass diese Auszeit kommen würde um die Weichen wieder anzupassen. Mein innere Stimme hatte mir Führung angeboten, doch ich igrnorierte das mit ‘noch nicht so wichtig’. Aus Angst. Ich wollte nicht die Entscheidungen treffen, die nötig waren. Obwohl ich sehr intuitiv bin, so sehr war ich unsicher ob ich mich wirklich trauen könnte. Ganz gleich, wie sehr auch die Hinweise in meinem Herzen Resonanz fanden.
Es mag Dinge in unserem Leben geben die nicht verhandelbar sind oder sofort zu verändern. Doch wir haben immer die Wahl und Möglichkeit zu handeln, zu entscheiden und langfristig auf Veränderungen hinzuarbeiten.

Diesmal musste bei mir also erst wieder der Hammer des Lebens geschwungen werden bis ich mich traute, meinen Raum zurückzuerobern.

Es ist weise den subtilen Hinweisen deines Körpers zu folgen, denn sie werden dich einholen. Wie Metastasen wird sich das Wissen was zu tun ist in deinem Körper ausbreiten und sich in dein Leben manifestieren.
Was du tun kannst wenn du erschöpft, müde und schlapp bist:
Was das Beste wäre ist ja klar. Wer müde ist sollte mehr schlafen. Aber es gibt noch ein paar andere Dinge, die aus dem Fight & Flight Modus helfen:

    • Achte darauf, welche Geschichte du dir selbst über dich erzählst. Inwiefern ist diese Geschichte wahr und real? Basiert sie auf tatsächlichen Tatsachen oder auf Interpretation, Kreation oder alten Verletzungen?

 

    • Meine Müdigkeit kam auch davon, dass ich immer noch alte Gaubenssätze in mir hatte, die da sagen, dass ich mehr leisten muss als ich längst tue um gut, erfolgreich, geliebt zu sein etc. Was das für Kraft kostet! Könnte sein, dass du dir die gleiche alte Sage vorkaust!

 

    • Sei neugierig. Es ist mit Abstand eines der besten Werkzeuge um zufrieden zu leben. Tritt regelmäßig zur Seite und beobachte dich und deine Empfindungen; was genau du fühlst. Versuche nicht zu bewerten. Sei Beobachter. Du musst auch nicht sofort alle Antworten parat haben und Entscheidungen treffen. Oft wollen Emotionen und Gefühle nur angeschaut und anerkannt werden, sodass sie wieder fließen können.

 

  • Nimm dir jeden Tag Zeit für dich selbst. Ich will keine Werbung für Meditation machen… lediglich darauf hinweisen wie wichtig es ist, täglich mindestens 10-15 Minuten für sich und mit sich zu sein. Atme in dieser Zeit bewusst in dich hinein. Dein Seelen-Selbst hat dann die Gelegenheit wieder nach vorne in die erste Reihe zu kommen, dort wo dein Ego und dein Verstand bereits ihren Platz haben. Wenn alle Anteile in dir gleich oft angeschaut werden bzw. ihren Raum haben, wirst du viel mehr Kraft und Klarheit haben.

Ich wünsche dir einen schönen restlichen Sommer und gute Erholung! 🙂
Unterschrift

5 Kommentare

  1. Carolin Nobles

    Liebe Anja, danke dir für diesen wundervollen Artikel und deine Offenheit. Auch mich hat die Müdigkeit überfallen und viele andere Menschen, die ich kenne. Es liegt wirklich etwas sehr heilsames darin, sich mit den inneren Welten zu beschäftigen, mit dem Verdauen, was da täglich auf uns einströmt zusätzlich zu dem Unverdauten, das eh schon in uns liegt. Auch das ist Teil des Wegs. Schön, deine Entwicklung zu verfolgen, wie du immer mehr bei dir ankommst, wie immer noch eine weitere Schicht abfällt und die wahre Anja zum Vorschein kommt. Alles Liebe, Caro

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  2. Katrin

    Liebe Anja, danke für deinen ehrlichen Artikel. Auch mich überkommt immer wieder mal totale Erschöpfung. Dann stelle ich fast alles in frage und bin wieder auf der Suche nach meiner Wahrheit. Ich finde es nicht leicht, die Balance zu finden zwischen Zielen und Seelenfrieden, Geben und Nehmen. Wir tragen ja alle unser Päckchen und haben unsere Schwachstellen. Dieses Thema wird uns wohl bleiben. Da ich selbst Frauen dabei unterstütze zu sich selbst zu finden und zu sich zu stehen, habe ich da auch immer wieder meine Hausaufgaben zu erledigen. Was wir lehren dürfen wir auch selbst erleben :-). Dabei meine ich, dass wir hier sind um unser Leben zu genießen! Ich wünsche dir gute Erholung und sende dir Herzensgrüße, Katrin

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  3. Kirstin

    Liebe Anja,
    danke Dir mal wieder für Deine tiefen Worte – und für die Anregung zum Reflektieren.
    Oh, da hat sehr viel zu mir gesprochen 🙂
    Vor allem, warum ich nach meinem Urlaub viel erschöpfter bin als vorher.
    Da werde ich mir nochmal in Ruhe Gedanken und „Gefühle“ dazu machen. DANKE
    Alles Liebe
    Kirstin

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    • Anja

      Danke für deine Worte, liebe Kirstin!

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  4. Gb

    Sehr guter Post! Danke Anja!

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